Vor 6 Jahren wurde mit Tempelhof der erste funktionsfähige BER geschlossen

Wenn Flughäfen zu Feindbildern gemacht werden

 

Bis zur Eröffnung des Flughafens Tegel (TXL) 1974, war Berlin-Tempelhof der Zentralflughafen von Berlin, und trug das IATA-Kürzel BER. Zu sehen ist ein Kofferanhänger für einen PAN AM-Flug aus dem Mai 1971.



Guten Tag,

in der Nacht vom 30.10. auf den 31.10.2008 machte der Wowereit-Senat Ernst, und schloss, gegen den erbitterten Widerstand der Berliner Bevölkerung, den Flughafen Tempelhof.

Wir erinnern uns: Tempelhof wurde wahlweise als zu groß oder als zu klein bezeichnet. Die Berliner Politik sagte, die Zukunft würde sowieso dem neuen Flughafen (damals "BBI") in Schönefeld gehören und Stadtflughäfen seien old-fashioned. Aber gedankenlos wurde mit der Schließung von Tempelhof kostbarste Flughafenkapazität vernichtet, und das in einem weltweiten Wachstumssegment, das auch in Berlin jährlich mit ca. 5% zunimmt.

 

Es begann mit einer Unwahrheit


Klaus Wowereit stellte im Frühjahr 2008 die unwahre Behauptung auf, dass es zu einem Baustopp des BBI/BER kommen würde, wenn Tempelhof offen bliebe. Hiermit übte er Druck auf den ersten Tempelhof-Volksentscheid aus, denn der Flughafenneubau in Schönefeld war auch höchstrichterlich genehmigt und die Schließung von Tempelhof war ein völlig separater Rechtsakt. Der Volksentscheid ging daraufhin formal mangels Erreichung des Quorums verloren, obwohl eine Mehrheit von 60,1% der abgegebenen Stimmen für Tempelhof erreicht wurde.  

Inzwischen gehört dem nunmehr "BER" genannten Flughafenprojekt, nach einer Serie von Terminabsagen, weder die Gegenwart noch die Zukunft. Und wenn in Schönefeld eines Tages die Türen doch noch aufgehen sollten, wird sich kaum jemand über diesen zu kleinen und dann mit vielfältigen Mängeln behafteten Airport freuen können.
 


Missglückte Abschiedsgala des Senats


In der Nacht der Schließung ließ es sich Klaus Wowereit nicht nehmen, seinen Sieg über die Berliner Bevölkerung, die in den Flughafenbezirken Neukölln und Tempelhof-Schöneberg im April 2008 mit über 70% für ihren Flughafen gestimmt hatte, mit einer sogenannten Gala in Tempelhof zu feiern, wobei seine Rede von wütenden Buhrufen begleitet wurde – bis hin zu "Lügner"-Rufen.

Und als auf dem Vorfeld von Tempelhof, kurz vor Mitternacht, der Rosinenbomber DC 3 und die Ju 52 mit Tränen in den Augen verabschiedet wurden, erklang ein gellendes Pfeifkonzert gegen die schmierige Inszenierung des Senats und der Flughafengesellschaft, die im Trällern eines aus einer Casting-Show entsprungenen Sängers ihren lächerlichen Ausdruck fand. Die Gegner der Tempelhof-Schließung zeigten ein Protest-Plakat, auf dem zu lesen war "Tempelhof bleibt - Wowereit fliegt!"
    



 
Nun ja, "fliegen" tut Klaus Wowereit - unter dem Druck des sich weiter verschärfenden BER-Desasters - leider erst jetzt, im Dezember 2014. Der Versuch, öffentlichkeitswirksam mit einer der beiden Maschinen am 30.10.2008 Tempelhof zu verlassen, scheiterte kläglich: Beide Piloten weigerten sich, Wowereit mitzunehmen.

Die missratene Gala und die für den Berliner Senat schrill klingenden Buhrufe und Pfiffe hatten anschließend für den bei der Flughafengesellschaft angestellten Organisator des Events persönliche Konsequenzen, weil man sich das "bei Hofe" doch etwas anders vorgestellt hatte.
 


Stadtbrache Tempelhof

In den folgenden Jahren erzählte der Berliner Senat dann immer wieder wahlweise, dass privates und öffentliches Kapital quasi zwangsläufig nach Tempelhof fließen würde und dass sich Surfer nun den Weg zu Nord- und Ostsee sparen könnten.

Um die Notwendigkeit der Flughafenschließung auch im Nachhinein weiter zu untermauern, behauptete die für Tempelhof zuständige landeseigene Grün Berlin GmbH jahrelang, dass 1,6 Mio. Menschen pro Jahr das Gelände besuchen würden, was 8 000 - 16 000 Besuchern pro Tag entsprechen würde. Nun kam die schlichte Wahrheit ans Licht: Es sind ganze 30 000 Besucher - pro Jahr!  

Und die unvergessene Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer fuhr regelmäßig zur Immobilienmesse MIPIM nach Cannes, um anschließend jeweils verkünden zu können, dass sie dort interessante Gespräche geführt habe. Konkrete Investoren für Tempelhof konnte Junge-Reyer aber nie benennen. Dabei wurde auch beflissentlich übergangen, dass es für den aktiven Flughafen Tempelhof (!) zahlreiche Investitionsangebote gegeben hatte, die allerdings nicht erwünscht waren.

Genannt sei hier das Angebot, Tempelhof zum Hauptsitz der "Deutschen BA" zu machen oder in Tempelhof, unter Beibehaltung des Flugbetriebs, ein internationales Gesundheitszentrum zu errichten. Für beide Vorschläge hatte Klaus Wowereit nur Hohn und Spott übrig. Die Investoren Lauder und Langhammer durften sich als "Reiche Onkels aus Amerika" schmähen lassen - ein bis dahin nicht für möglich gehaltener Fauxpas.

Schließlich räumte der Geschäftsführer der landeseigenen Betreibergesellschaft "Tempelhof Projekt GmbH", Gerhard Steindorf, in diesem Jahr kleinlaut ein: "Berlin hat mit dem Flughafen Tempelhof ein großartiges und kulturhistorisch bedeutendes Gebäude, aber leider nicht genug Geld, um alles in dem Maße zu finanzieren, wie es dem Ort angemessen wäre." Und das konnte auch 2008 schon jeder wissen, der es wissen wollte.  

Wer also die erschütternden Arbeitsergebnisse von Klaus Wowereit und die seines designierten Nachfolgers Müller besichtigen will, der muss auf Tempelhof und auf den BER schauen.

 


Gesehen 2009 in der ehemaligen Abfertigungshalle von Tempelhof, demnächst im BER?

 

Unwahrheiten 2008-2014 ff. plus einer krachenden Abstimmungsniederlage


Als 2014 der Berliner Senat, allen voran der zwischenzeitlich vom Fraktionsvorsitzenden zum Stadtentwicklungssenator avancierte Michael Müller, der Bevölkerung allen Ernstes erzählen wollte, dass der Berliner Wohnungsmarkt allein durch eine Bebauung Tempelhofs voranzubringen wäre, wollte das niemand mehr hören: Eine informelle Koalition aus Flughafenfreunden und -gegnern bereitete der arroganten Stadtregierung aus SPD und CDU eine krachende Niederlage.

 




 
 


Geschichtsklitterung


Zu allem Überfluss wird der Flughafen Tempelhof seit geraumer Zeit nur noch als einziges Zwangsarbeitslager während des Zweiten Weltkriegs beschrieben, ohne die freiheitsstiftende Luftbrücke 1948/49 und den zivilen Flughafen vor und nach dem Dritten Reich auch nur zu erwähnen.
 


Ausblick


Bei aller gebotenen parteipolitischen Neutralität sei vor allem der SPD, die sich ja so gerne als Anwalt der Kleinen Leute gibt, ins Stammbuch geschrieben, dass es ein zum Himmel schreiender Skandal ist, mit welcher Polemik, Sturheit und Inkompetenz die SPD das Berliner Flughafensystem, das ja der Allgemeinheit gehört, sehenden Auges geschädigt hat.

Wir wollen auch gar nicht mehr ausrechnen, wie viele Bibliotheken, Kindergärten, Schulen und Universitäten etc. man für die in Tempelhof inzwischen für den Leerstand vergrabenen ca. 200 Mio. Euro und für die zusätzlichen Milliarden Euro in Schönefeld hätte schaffen können. Dafür trägt jedenfalls im Wesentlichen die selbsternannte Partei der "Sozialen Gerechtigkeit", d. h. die SPD und konkret ihr Berliner Landesverband, die Verantwortung - schämt Euch, Genossen!

Die Berliner SPD, repräsentiert durch Klaus Wowereit und Michael Müller, hat sich mit der Schließung des Flughafens Tempelhof, des Flughafens der Freiheit, ein bezeichnendes Denkmal gesetzt!

Dass nun diese SPD in Berlin einfach so weiter regiert, mit einem Regierenden Bürgermeister, der noch schwächer ist als Klaus Wowereit – das darf nicht sein.

Wir fordern Neuwahlen - jetzt und sofort!

Herzliche Grüße

Ihr Brennpunkt-BER-Team
 

 



P. S.

Und wie die Berliner Woche vom 6.10.14 berichtet , kommt die dringend notwendige Sanierung des Luftbrücken-Denkmals nicht voran. Ist das ein Zufall oder ist das Absicht?

Veranstaltungshinweis:

Gedenkstunde zur Schließung des Flughafens Tempelhof am 30.10.14, 18-19 Uhr, am Adlerkopf in Tempelhof. Aktuelle Informationen unter THF4THF@t-online.de

Am Ende des Newsletters - auf brennpunkt-ber.de - finden Sie eine einfach zu handhabende Kommentarfunktion.

Twitter: @BrennpunktBER




Text & Redaktion: Wolfgang Przewieslik

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www.brennpunkt-ber.de
 

Kommentare

mehr kann man zu dieser Tragödie um den Zentralflughafen Tempelhof seit dem 30.10.2008 nicht schreiben, denn es treibt einem die Tränen in die Augen und man findet die Buchstaben auf der Tastatur nicht mehr. Danke für diesen Newsletter und dass Sie noch weiter an THF denken!

Ja, der Newsletter war wieder einmal sehr ausführlich und treffend.

Wir THF-Tempelhof-Freunde haben versucht den Airport zu retten, ob das mit der ICAT war, oder aber auch mit der Weltkulturerbe-Initiative vom Aktionsbündnis www.be-4-tempelhof.de !

Wir BerlinerInnen sollten uns diesbezüglich in Anbetracht der Flughafensituation in Berlin weiterhin für eine Eingliederung des Flughafens Tempelhof in den Flugbetrieb bemühen !

Dieser einzigartige Flughafen, dieses einzigartige Wahrzeichen Berlins darf nicht nur Trampelacker, Drachenwiese sein und auch nicht Spekulationsobjekt für lobbyistische Politiker ! Tolle Infos auch unter: www.pro-tempelhof.de !

er wird als Flughafen Tempelhof-Killer in die Stadtgeschichte eingehen. Schande über ihn!

Wie die Zeit vergeht. Ich wohne da und Fluglärm war nie ein Problem für mich. Hoffentlich schließen die nicht auch noch Berlin-Tegel. Dann hat ja Berlin überhaupt keinen Flughafen mehr.

Das ist eine wunderbare Zusammenfassung aller Ereignise, die zur vorläufigen Zerstörung des Flughafens Tempelhof führten.

Wenn man bedenkt, dass der Herr Feiermeister in Seelenruhe sich von der Bildfläche verabschiedet, obwohl er für die schändliche Schließung THF/Tempelhofs verantwortlich ist, und die Oberaufsicht über den verbauten und "Neu-Kaputtgebauten" BER-BBI hatte, ist es sehr, sehr verwunderlich, dass dieser Herr mit seiner Oberverantwortung nicht zur Rechenschaft gezogen wird ! Ich war 2008 in einer der letzten Maschinen, die von Tempelhof gestartet sind als Passagier an Bord der Flying Bulls DC-6 ! Glücklicherweise gewann ich einen dieser Rundflug-Plätze, die von Star-FM ausgeschrieben wurden, besser gesagt, im Radio angeboten wurden.

Es war ein sehr bewegender Moment als die DC-6 abhob und wir dann im Tiefflug über den schönsten Flughafen der Welt hinweg flogen, unvorstellbar kam es uns allen vor, dass dieser so einzigartige Flughafen der Herzen einfach mal so geschlossen werden sollte.......ein Flughafen mit derart viel Geschichte, ja ein Flughafen als Spiegel der Stadt Berlin !

Es ist unglaublich jetzt weiter ansehen zu müssen, wie die Berliner SPD ein weiteres Mitglied aus der Wowereit-Riege an die Spitze der Stadtregierung stellen will; Herr Müller wollte genauso wie der Feiermeister selbst, den Flughafen bebauen, lobbyistischen Interessen nachgehenund teure Eigentumswohnungen auf dem Flughafen bauen lassen. Bezahlbarer, sozialer Wohnraum hingegen wäre da kaum geplant und gebaut worden, zudem der Mietspiegel in Berlin künstlich mit diesen teuren Wohnungen in die Höhe gezogen worden wäre......also, bloß wieder unseren alten Luftbrücken-Airport neu als Flughafen widmen,ihn als Flughafen betreiben, damit fluglogistische Engpässe ausgeglichen werden können !

Ja und der BER.............neues FEZ, oder neues SEZ...Drachenwiese....?!

Beste Grüße an alle THF-Tempelhof-Freunde !!!

Ein Chaos wird da in Berlin zusammenregiert. Andere Bundesländer tragen die Kosten über den Länderfinanzausgleich. Die Verantwortlichen sollten zur Verantwortung gezogen werden!

Lang lebe Tempelhof/THF/BER/EDDI

Genau, die anderen Bundesländer sollten aufgrund der unverantwortlichen Haushaltsführung der Berliner Lobbyisten den Finanzausgleich verweigern, oder besser noch, eine Strafanzeige wegen Steuermittelverschwendung stellen ! Ich grüße alle Freunde von www.brennpunkt-ber.de und www.das-thema-tempelhof.de.

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