Salat und Boxen aus Tempelhof?

+++ Burkhard Kieker, Ex-Sprecher der Flughafengesellschaft, seit 2009 Chef der Berliner Tourismusförderung, verkauft alte Geschichten als neue +++ Der Berliner Senat leidet an olympischen Visionen +++

Sturmfester Salat, diesmal frisch vom Dach?


Guten Tag,

in Berlin sind die Wege besonders kurz. Man kennt sich und begegnet sich mal in dieser, mal in jener Funktion.

Dazu kommt dann noch eine freundliche Begleitung durch einen Großteil der Hauptstadtpresse und fertig ist die nette Public-Relation-Geschichte, die dann mit unabhängigem Journalismus so viel zu tun hat wie ein Ackergaul mit einem Rennpferd.

Im tiefsten Sommerloch äußerte sich jüngst Burkhard Kieker, seit 2009 Chef der landeseigenen Tourismusförderung visitBerlin, und ließ das geneigte Publikum wissen: "Tempelhof ist die nächste große Geschichte, die Berlin erzählen kann."

Ja, zu Tempelhof gab und gibt es eine Menge zu erzählen, was wir auch  unermüdlich getan haben und auch weiterhin tun werden.

Die Geschichte ist jedoch insoweit zu Ende, als Klaus Wowereit in seiner unergründlichen Weisheit den Flughafen Tempelhof 2008 schließen ließ, versehen mit der unwahren Behauptung, dass ein offener Flughafen THF zu einem Baustopp des BBI/BER führen würde. Kleiner Scherz am Rande: THF ist zu und den faktischen Baustopp erleben wir trotzdem seit zwei Jahren.
 
Bekanntlich kollabierte der BBI/BER nach der THF-Schließung vollkommen autonom: Keine industrielle Projektleitung, keine Baudokumentation, keine Kostenkontrolle und zuletzt - nach vier abgesagten Eröffnungsterminen - nun gar kein Eröffnungstermin mehr, kennzeichnen die "große" Geschichte des BBI/BER, die wohl noch lange nicht zu Ende ist.

Burkhard Kieker, der sich 2008 als Sprecher der Flughafengesellschaft verabschiedete und in dieser Funktion kräftig an der THF-Schließung mitwirkte, will uns nun eine neue/alte Geschichte über Tempelhof erzählen.

Und die lautet so: In Tempelhof soll eine sogenannte Flaniermeile entstehen, mit einer Tangofläche, einer Theaterbühne, einem Beachvolleyballfeld, und sogenanntem "Urban Gardening" (vulgo "Radieschen auf Beton"), verbunden mit diversen gastronomischen Angeboten - diesmal, im Unterschied zu früheren Planungen, aber auf dem Dach des Flughafengebäudes! 

Wartet Berlin auf diese Angebote? Ja, wohl in dem gleichen Ausmaß wie die Stadt auf die Flughafenschließung gewartet hat, nämlich überhaupt nicht.

Wir fragen uns, kommt jetzt auch der Kletterberg oder der Puffhafen Tempelhof wieder, für den die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher 2009 die geradezu unvergesslichen Worte prägte: "Diese Arbeit ist besonders interessant, weil sie ein ganz anderes Nutzungskonzept vorschlägt."

Im gleichen Jahr hatte der Berliner Architekt Jakob Tigges dann das, was später einen Moment lang zum bitteren Ernst wurde, folgendermaßen beschrieben: "Erst wird der Berg nach allen Regeln der Kunst geplant, zu einem Vorhaben gemacht, und alle Berliner erträumen und erlügen sich diesen Berg ... und werden sämtlich zu Komplizen und tun so, als stünde da tatsächlich ein Bergmassiv auf dem Flughafen Tempelhof", Berliner Morgenpost 24.01.09.

Das scheint wohl noch immer zu gelten, jedenfalls was den Berliner Senat und die von ihm abhängigen Einrichtungen und Personen anbelangt.

Das Deutsch-Amerikanische Volksfest hat in dieser bizarren Vorstellungswelt natürlich keinen Platz. Immer wieder scheiterten daher Versuche, diese Berliner Nachkriegstradition in Tempelhof wiederaufleben zu lassen. Man hat wohl Angst vor einer Publikumsveranstaltung, die Erinnerungen an die Zeit der Amerikaner und an den von der Bevölkerung getragenen Flughafen Tempelhof wecken würde.

Davon unabhängig soll jetzt das Columbia-Haus am Platz der Luftbrücke vermarktet werden, in dem es seinerzeit ein Hotel der US-Army gab. Gesucht wird ein Investor mit einer Einlage von ca. 7 Mio. EUR.

Auch hier hilft ein Griff ins Archiv: Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung 2006-2011, fuhr in diesen Jahren gerne zur Immobilienmesse MIPIM nach Cannes - um Tempelhof zu vermarkten - und kam regelmäßig mit der Auskunft zurück, interessante aber ergebnislose Gespräche geführt zu haben.

Immerhin kam Gerhard Steindorf, Geschäftsführer des landeseigenen Anbieters Tempelhof Projekt GmbH, der Realität ein Stück weit nahe, als er am 4.8.14 erklärte: "Berlin hat mit dem Flughafen Tempelhof ein großartiges und kulturhistorisch bedeutendes Gebäude, aber leider nicht genug Geld, um alles in dem Maße zu finanzieren, wie es dem Ort angemessen wäre."

Ob Gerhard Steindorf dieses offene Geheimnis inzwischen auch schon Klaus Wowereit und Frau Junge-Reyer offenbart hat, ist unbekannt. Wir erinnern uns, dass Tempelhof bisher von allen Wowereit-Senaten als potentielle Ertragsquelle und Selbstläufer dargestellt wurde, dessen vermeintlicher Erfolgsgeschichte bis 2008 allein die Flughafennutzung im Wege gestanden hätte. Von einem erheblichen Investitionsbedarf war bisher nicht die Rede.

Anlässlich der aktuellen Kiekerschen "Erzählung" haben wir uns auch mit den im wahrsten Sinne des Wortes vergangenen Aussagen Kiekers beschäftigt, die er von 1997-2008 als Projektsprecher des BBI/BER, in Personalunion von 2003-2008 zusätzlich auch als Sprecher der Berliner Flughafengesellschaft, tätigte. Auch hier gibt es Erstaunliches zu entdecken.
 

 

Schon als Tourismus-Chef sagte Kieker 2011 zur Berliner Morgenpost:

"Jetzt kommt der Flughafen endlich. Da sollten wir Berliner dieses Jahrhundertprojekt, das die Stadt wie Luft zum Atmen braucht, nicht noch kurz vor der Eröffnung im kleinlichen Streit, wo jeder nur an sich selbst denkt und nicht ans Ganze, kaputtreden."

Nein, kaputt geredet hat den BBI/BER niemand, aber kaputt gemanagt schon.

Der Flughafen sollte planmäßig zunächst am 30.10.11 eröffnet werden, was leider nicht klappte. Danach wollte man am 3.6.12 eröffnen – der Termin wurde einen Monat vorher abgesagt. Danach sollten dann am 17.3.13 die Türen aufgehen - abgesagt. Schließlich sollte am 27.10.13 eröffnet werden - abgesagt! In der Folge verzichtete man dann auf die Nennung weiterer Eröffnungstermine für den ehemals vermeintlich modernsten Flughafen Europas.

Und 2008 wies Kieker Befürchtungen zurück, dass der BBI/BER zu klein sei, und versicherte, dass der Airport ca. 40 Mio. Passagiere im Jahr abfertigen könnte, was schon damals in Zweifel zu ziehen war.

Kieker wies Kritik an seinen Aussagen jeweils barsch zurück und bezeichnete sie als interessengesteuertes Vorgehen, das nur den Zweck hätte, Tempelhof offen zu halten. THF wurde geschlossen, aber die geforderte bedarfsgerechte Leistungsfähigkeit des BBI/BER schwand mit den, von uns prognostizierten, permanent steigenden Passagierzahlen dahin.

Im Dezember 2012 schließlich räumte der damalige Technik-Chef der Flughafengesellschaft, Horst Amann, ein, dass das von uns seit 2007 veranschlagte maximale Passagiervolumen des BBI/BER in Höhe von ca. 27 Mio. der Realität entspricht.
     
Und das nächste Projekt, dass für den Berliner Senat mutmaßlich auch mehrere Nummern zu groß sein wird, steht nun schon vor der Tür und wird offensichtlich medial in der bekannten Art und Weise vorbereitet: Das Land Berlin will sich - parallel zum BER-Desaster - um die Austragung der Olympischen Spiele 2024 oder 2028 bewerben.

Wie titelt doch der Tagesspiegel so schön: "Ganz Berlin würde zur Arena werden", und die Boxsportwettbewerbe würden in Tempelhof stattfinden!

Tja, wer solche Referenzen vorzuweisen hat wie der Berliner Senat, der muss sich wohl um die Olympischen Spiele bewerben. Oder wie wäre es mit der Fußballweltmeisterschaft?  

Alles Satire? Nein. Herr Kieker, übernehmen Sie! Letztendlich ist wohl alles nur Spielmaterial. Schade, dass das fast alle wissen, aber dass das kaum noch jemand zu sagen wagt.  

Herzliche Grüße

Ihr Brennpunkt-BER-Team

 



P.S.


Der Konzertveranstalter Matthias Hörstmann zieht sich aus Tempelhof zurück und wird zukünftig die Arena in Treptow nutzen.

 


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Text & Redaktion: Wolfgang Przewieslik

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Kommentare

Es ist schon ein trauriger Witz der Zeitgeschichte, als Klaus Wowereit damals fälschlicher Weise behauptete, dass ein Weiterbetrieb von THF einen sofortigen Baustoppp der BER zu Folge hätte. Letztendlich wurde der Baustopp des BER und die Nichteröffnung durch ein unfähiges Managemment des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und der FBB u. a. in Gestalt des Rainer Schwarz verursacht. Wenn die Verfasser dieses Newsletter in die Archivkiste greifen können und damit die Tempelhof-Befürworter in Ihren damaligen Prognosen des Berliner Luftverkehrs bestätigen, zeigt es, wie falsch die Schließung des Zentralflughafens Tempelhof war. THF hätte den BER entlasten können, doch wurde die Infrastruktur dafür am 30.10.2008 zerstört.

Uns so verabschiedet sich ein Nachnutzer nach dem Anderen von THF. Erst Bread and Butter, Berlin Festival und nun auch die Weinmesse. Peinlich auch die damaligen Äußerungen von Frau Junge-Reiher und Frau Lüscher.....und von Herrn Kieker sowieso. Ich frage mich auch, was Klaus Wowereit und Michael Müller gegen das amerikanische Volksfest auf THF haben? Sicherlich könnte dieses Fest an einen erfolgreichen Flugbetrieb unter Leitung unserer amerikanischen Freunde erinnern...dabei ist es nur ein Rummel.........die Beiden können wegen ihrem schlechten Gewissen nachts sicherlich nicht schlafen.

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