Reden mit dem BER

+++ Neue Imagekampagne der Flughafengesellschaft startet +++

 

Rückseite des Berliner Stadtmagazins zitty 17/2014  


Guten Tag,

über den BER ist schon viel geredet worden, mit ihm jedoch noch nicht. Und wenn wir die aktuelle Imagekampagne der Flughafengesellschaft richtig verstehen, soll nun genau das geschehen.

Nun müssen also die Public-Relations-Mitarbeiter nach vorne, um offensichtlich zu retten, was noch zu retten ist, obwohl Imagekampagnen ohne ein solides Fundament bekanntlich Gefahr laufen, wie eine unfreiwillige Zirkusnummer daherzukommen. Aber egal!

Zu diesem Zweck wird nun auch wieder das Kürzel BER in den Vordergrund geschoben, obwohl man einige Zeit den Eindruck hatte, dass sich bestimmte Damen und Herren hinter den Buchstaben FBB (Flughafen Berlin Brandenburg GmbH) verstecken würden.

"Geredet" wurde in Imagekampagnen übrigens schon immer sehr viel.

1966 prägte die Deutsche Bahn den unvergessenen Slogan "Alle reden vom Wetter. Wir nicht."

Aktuell beglücken uns die folgenden Aussagen: "Ich will Klartext, keine Klauseln - ERGO - Versichern heißt verstehen." oder "Sag mal, E.ON! Wie geht´s mit der Energie jetzt weiter? Macht mal eine klare Ansage, E.ON."

Ja, das ist gut, "Mach mal eine klare Ansage, BER!"

Wir stellen uns nun einen gestressten Mitarbeiter des BER-Callcenters vor, der von Frau Schultze aus Berlin-Wedding angerufen wird:

BER: Guten Tag, Sie sprechen mit dem modernsten Flughafen Europas, wie kann ich Ihnen helfen?

Schultze: Guten Tag, Schultze aus Berlin-Wedding am Apparat. Man hört ja so viel über den BER. Wann wird der Flughafen denn endlich fertig sein?

BER: Ja, Frau Schultze, da stellen Sie eine ganz, ganz wichtige Frage, die ich Ihnen auch gerne beantworte. Also zum einen ist der Flughafen ja schon fast fertig, also Pi mal Daumen zu ca. 98%. Demnächst werden es vielleicht sogar 99% sein, und da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch noch der läppische Rest zu schaffen wäre.

Schultze: Geht es etwas genauer?

BER: Also, Frau Schultze, Sie müssen sich das so vorstellen. Bei Ihrem Späti um die Ecke läuft ja auch nicht immer alles rund. Und der BER ist halt ein sehr, sehr großer Späti - und damit es klappt, müssen halt alle an einem Strang ziehen.

Schultze: Wie bitte?

BER: Ist denn Ihr Späti immer auf oder war er schon immer da? Das wollen Sie mir doch nicht im Ernst erzählen! Und außerdem ist der BER schon seit geraumer Zeit für Besichtigungsfahrten geöffnet, zu denen Sie natürlich herzlich eingeladen sind - auf eigene Kosten, versteht sich.

Schultze: Ich dachte da eher an startende und landende Flugzeuge, halt an einen funktionierenden Flughafen.

BER: Frau Schultze, ich verstehe Ihre Frage sehr gut, und glauben Sie mir, wir arbeiten alle hart daran, dass es eines schönen Tages auch soweit sein wird. Unser Chef Mehdorn sagt ja nicht umsonst, "Der Flughafen wird fertiger und fertiger."

Schultze: Wann wird der BER eröffnet, in welchem Jahr?

BER: Nächste Frage bitte, bitte die nächste Frage!

Schultze: Na gut. Man liest ja auch immer wieder, dass die Verkehrsanbindung des BER sehr schlecht sein soll, keine Schnellbahnverbindung, mutmaßlicher Dauerstau für PKW und und und.

BER: Also Frau Schultze, Ihre Meckerei geht mir jetzt langsam auf die Nerven. Immer nur Kritik und Lust am Negativen. Wie soll das denn weitergehen? Wir erwarten natürlich von unseren Kunden ein gehöriges Maß an Belastungsfähigkeit. Dafür gibt es ja dann auch den modernsten Flughafen Europas. Dann steht man mal eben im Stau oder kommt nicht mehr in den überfüllten Zug rein und verpasst seinen Flug - na und! Geht denn davon die Welt unter? Frau Schultze?

Frau Schultze aus Berlin-Wedding hat aufgelegt.   

Soweit unsere kleine Imagination zukünftiger Gespräche mit dem BER.

Abzuwarten bleibt, ob die neue Imagekampagne, mangels tatsächlicher Fortschritte im BER, nicht im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut sein wird.

Herzliche Grüße

Ihr Brennpunkt-BER-Team

 

 



P. S.


Auf der Website der Flughafengesellschaft ist zu lesen: "Willkommen in Berlin. Bitte wählen Sie Ihren Flughafen." Die Fluggäste entscheiden sich bisher eindeutig für Tegel - und gegen Schönefeld.


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Text & Redaktion: Wolfgang Przewieslik

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Kommentare

Liebe Admins, diese Glosse dürfte schon sehr nah an der Realität liegen, und wie in den meisten Fällen kommt später die Wirklichkeit beim BER noch skurriler, als es die Satire vorgezeichnet hat.

Der Artikel erinnerte mich spontan an die schon legendäre Tagung des Ausschusses für Wirtschaft, Forschung und Technologie des Berliner Abgeordnetenhauses vom 11.06.2012. Die Sitzung beschäftigte sich damals auf Antrag der Linken und der Grünen mit den Auswirkungen des Flughafen-Debakels auf die Berliner Wirtschaft, und war mit einer Expertenanhörung verbunden. Das Protokoll enthüllt ein buntes Sammelsurium von Peinlichkeiten, welches anschaulich die Provinzialität der politischen Klasse sowie der Wirtschaftsverbände in Berlin offenlegt.

http://www.parlament-berlin.de/ados/17/WiFoTech/protokoll/wft17-010-wp.pdf

Ein besonderes Nicht-Wissen zeigte dabei der Vertreter der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), Herr Jens Werthwein. Herr Werthwein schaffte es tatsächlich, im Rahmen der Expertenanhörung keine einzige klare Antwort zu irgendeiner Frage zu geben, und flüchtete nur in Allgemeinplätze. Dies erregte den Unwillen insbesondere der Vertreter der Grünen.

Hier ein Auszug aus dem Protokoll:

„Jens Werthwein (UVB): Es wurde nach den wirtschaftlichen Bewertungen gefragt. – Wir sind davon überzeugt, dass zwischen den kurzfristigen und langfristigen Effekten unterschieden werden muss. Deshalb möchte ich den Betrachtungswinkel etwas weiter stellen, mit Blick auf die längerfristige Leistungsbilanz der Berliner Flughäfen, denn ungeachtet der Verschiebung des Eröffnungstermins bleibt der BER das wichtigste Infrastrukturprojekt in der Region Berlin-Brandenburg, unverzichtbar für Wachstum und Beschäftigung. – [Michael Schäfer (GRÜNE): Wir reden hier nur über die Verschiebung!] – Das gehört mit Sicherheit auch zum Gesamtbild....[Der Rest der Ausführungen von Hr. Werthwein ist ein Herunterbeten der allgemeinen BER-Parolen in Kunkel´scher Manier ohne jeden Bezug zur Frage].
Nicole Ludwig (GRÜNE Herr Werthwein! Sie als Vertreter der UVB haben sehr blumig von der Vision erzählt, die dieser Flughafen aufmacht, und den Hoffnungen, die hineingesetzt werden, aber für die Unternehmen, die von der Verschiebung betroffen sind – ich kann das Wort Hohn jetzt nicht wieder in den Mund nehmen, ich bin auch jemand, der immer wieder gerne ans Gute glaubt, positiv denkt, klar, wir kriegen das hin –, die jetzt geschädigt sind, ist der Schaden erst mal da.“

Aber auch der ebenfalls als Experte eingeladene Leiter der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, Herr Burkhard Kieker, hat keinen leichten Stand. Er musste wortreich erklären, wieso er zunächst öffentlich die Verschiebung der BBI-Eröffnung sogar als gut für Berlin eingestuft hatte.

Hier ein weiterer Protokoll-Auszug:

„Nicole Ludwig (GRÜNE): Vielen Dank, Herr Vorsitzender! – Ich kann direkt an Herrn Kieker anschließen – insofern, dass ich mich freue, dass Sie nicht mehr so sprechen wie kurz nach der Bekanntgabe der Verschiebung, dass die Flughafenpanne sympathisch wirken kann. Das stand tatsächlich auf unserer Website Berlin.de, wenn ich – mit Erlaubnis des Vorsitzenden – zitieren darf: Korrekt, zuverlässig, technikaffin – so sieht die Welt die Deutschen. Gut, dass die Flughafen-Panne mit diesem drögen Vorurteil aufräumt. Berlins oberster Tourismuswerber Burkhard Kieker sieht in der geplatzten Eröffnung des Hauptstadtflughafens auch Vorteile für das Ansehen der Deutschen in der Welt.“

Wie man sieht, ist die Erfindung des blumigen Schönsprech keine Erfindung der neuen Werbekampagne. Schönrednerei und Ahnungslosigkeit prägte schon früher das Bild. Vielleicht könnte die Werbeagentur Herrn Werthwein und Herrn Kieker als Sprecher für die neue Kampagne engagieren. Die notwendigen Qualitäten für den Job haben beide mit Sicherheit.

Hallo Viel-Flieger,

auch ich möchte "den Betrachtungswinkel etwas weiter stellen", wobei ich den oben genannten Schöpfer dieser besonders unsinnigen Floskel, Herrn Werthwein, gerne fragen würde, ob 180 ausreichen würden oder ob es 360 Grad sein müssen?:-)

Nein, auch wenn es zurzeit bedrohliche Weltnachrichten gibt, ist das was hier in Berlin abläuft, alles andere als eine Kleinigkeit, weil unser politisches System drauf und dran ist, seine Glaubwürdigkeit zu verspielen.

Da fällt einem das Peter-Prinzip ein, 1969 formuliert von Laurence J. Peter, das besagt, dass "in einer Hierarchie jeder Beschäftigte dazu neigt, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen." In Berlin erfährt nun dieses Prinzip seine Fortschreibung, weil der Aufstieg, nach dem Erreichen der vermeintlich Endstufe, offensichtlich ungebremst weiter geht. Herr Kieker hat es vorgemacht: Erst schenkte er als mutmaßlich überforderter Flughafensprecher der Welt originelle, aber oft bizarre, Äußerungen, um das dann als Tourismuswerber fortzusetzen.

Schön auch, dass an das Kieker-Zitat von 2012 erinnert wurde, dass eigentlich zur umgehenden Demisionierung dieses Herrn hätte führen müssen. Mal sehen, in welcher Funktion wir Herrn Kieker demnächst begrüßen dürfen.

Mein Lieblingszitat, das leider auch folgenlos blieb, ist das folgende:

"Man muss jedenfalls auf keinen Fall um jeden Preis pünktlich sein - wir arbeiten ja mit öffentlichem Geld," sagte Platzeck laut dpa vom 06.06.2010, anlässlich der Absage des BBI-Eröffnungstermins vom 30.10.2011, wobei Platzeck offenkundig der Meinung war, dass eine termingerechte BBI-Eröffnung teuer und eine verzögerte Eröffnung kostengünstig wäre!

Da kann man nur mit einem Klassiker der "Fußball-Literatur" antworten: "Egal ob Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien!"

Die Einlassungen der Herren Kieker und Werthwein sind wohl weit weniger zu Verstehen als "Provinzilität", "Nicht-Wissen" oder "Peter-Prinzip". Die Herren haben vermutlich vielmehr sehr gewieft und sehr im Interesse ihrer Dienstherren durchaus exzellent das Parlament ins Leere laufen lassen.

Was ist gemeint? Die Eröffnung des Flughafens musste erneut verschoben werden - ein Desaster. Die Opposition witterte Oberwasser, die rot-schwarze Regierung eventuell zu Fall bringen zu können. Die Wirtschaft hingegen dürfte geahnt haben, dass dies bei Neuwahlen rot-grün oder rot-dunkelrot-grün bedeuten könnte, mit einem Koalitionsvertrag, der sicher nicht vorteilhafter für die Rahmenbedingung für die Wirtschaft würde.

Was also haben Kieker und Werthwein vermutlich getan? Jeden Anwurf von Grünen und Linken oder anderen Kritikern wie an Teflon mit Platitüden und Allgemeinplätzen abperlen lassen. Mutmaßliches Motto: bloß keine Unterstützung liefern gegen den amtierenden rot-schwarzen Senat - und das über eine mehrstündige Anhörung hinweg. ... muss man auch erstmal hinkriegen. Ist beiden scheinbar gelungen.

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