Journalismus in den Zeiten des BER

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Viel-Flieger
Journalismus in den Zeiten des BER

Eine besondere journalistische Stilblüte leistete sich nicht zum ersten Mal Joachim Fahrun. In seinem Kommentar in der Berliner Morgenpost schaffte er es tatsächlich, jegliche politische Verantwortung am BER davonzuschreiben, und die Schuld nur auf die Expertenebene abzuladen:

http://www.morgenpost.de/flughafen-berlin-brandenburg/article128653575/D...

Der langjährige, entschiedene BER-Unterstützer kommt u.a. zu folgenden Schlüssen:
„Schon lange fehlt es im Unternehmen an fachlichem Know-how. Der Aufsichtsrat mit Klaus Wowereit an der Spitze dachte wohl, ein Flughafenbetreiber könne so ein Milliardenvorhaben nebenbei stemmen. An Management-Kapazität wurde gespart. Technische und planerische Aufgaben wurden an Berater vergeben, die nach Tagessätzen bezahlt werden.“

Also nur milde Kritik an Wowereit und den politisch Verantwortlichen, der Mangel wurde verursacht durch mangelndes Know-How der technischen Expertenebene, da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

Die Flughafengesellschaft war lange Jahre geradezu überbesetzt mit Experten aller Art. Kaum eine Gesellschaft vereinte auf technischer Basis so viel Expertenwissen, an erster Stelle sei hier nur der allgemein hoch angesehene Horst Amann genannt, der geschasst wurde, weil er seine Aufgabe auf Expertenart einfach gründlich lösen wollte, anstatt nur Sprüche zu klopfen. Soviel Realitätssinn war aber nicht gefragt. Auf dieses Thema geht Fahrun deshalb auch gar nicht erst ein.

Hauptgrund für das völlige Scheitern des Projekts war immer die völlige Inkompetenz der politischen Entscheidungsträger, die sich schon bei der falschen Standortwahl des BER zeigte, sich bei der politisch gewollten Zersplitterung der Baudurchführung sowie bei der unzureichenden Finanzierung fortsetze, und bei der ungerechtfertigten Zerschlagung des Expertenteams um Horst Amann ihren traurigen Höhepunkt fand.

Auch Lorenz Maroldt vom Berliner Tagesspiegel kommentiert die Ereignisse auf sehr eigenwillige Art. Er erkennt zwar die politische Verantwortung der Gesellschafter der Flughafengesellschaft an, immerhin ein Fortschritt. Doch auch er kann nicht von der üblichen Legendenbildung der tapferen Berliner Medien lassen, die immer korrekt und unabhängig vom Geschehen berichtet hatten:

„Da stand wenige Wochen vor dem Fest für „den schönsten Flughafen Europas“ im Tagesspiegel zu lesen, der Termin sei kaum zu halten. Der damalige Geschäftsführer Schwarz stürmte in die Redaktion und tobte: eine Unverschämtheit, alles Lüge, böswillige Unterstellung!“

http://www.tagesspiegel.de/meinung/hartmut-mehdorn-kommt-am-ber-nicht-vo...

Was Herr Maroldt geflissentlich übergeht, ist, dass jahrelang zuvor eben nichts an Kritik an den schon damals haarsträubenden Verhältnissen auf der Flughafen-Baustelle zu lesen war. Alle Anzeichen der drohenden Krise wurden beharrlich übersehen, und weggeschrieben. Erst als das Debakel nicht mehr zu leugnen war, wechselten der Tagesspiegel und die anderen Berliner Medien schnell die Seite, und feierten sich auf einmal für ihre kritische Berichterstattung auf den letzten Metern des Projekts.

Die Wahrheit ist: Der BER ist nicht nur ein Bau-, sondern auch ein Medienskandal. Ohne das völlige Fehlen jeglicher kritischer Berichterstattung in den Jahren zuvor wäre diese Krise vielleicht nie so weit gekommen. Dafür ließen es sich aber die Medien in Form von gut dotierten Werbeaufträgen und der Teilnahme an der üblichen Event-Kultur jahrelang gut gehen. Nur hat man eben vom Fan-Lager keine wirklich gute Sicht auf die Dinge. Insbesondere die Herren Fahrun und Marold sollten sich jetzt keine Rollen anmaßen, die sie niemals gespielt haben. Das ist pure Heuchelei.

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