Flughafengeschäftsführer Mühlenfeld bestreitet Drehkreuzfunktion des BER

+++ Berlin-Tegel (TXL) ist schon jetzt ein Drehkreuz +++ Schuld sind immer die Anderen +++ VBKI empfiehlt Leipzig +++

BER-Werbung 2012. 2015 sind die Stühle immer noch leer und werden es wohl auch noch bis mindestens Anfang 2018 bleiben.


Guten Tag,

vor dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. (VBKI), einer angesehenen Vereinigung von Entscheidern und Multiplikatoren Berlins, referierte der Geschäftsführer der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB), Dr. Karsten Mühlenfeld, am 4.11.2015 über den Stand des Flughafenprojekts BER und die Entwicklungsperspektiven der Flughäfen in Berlin und Brandenburg.

Karsten Mühlenfeld verkündete Schuldzuweisungen und Beschwichtigungen sowie eine moderne Version des "Ceterum autem censeo Carthaginem esse delendam" von Cato dem Älteren (deutsch: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss"), die 2015 nach Christi Geburt in Berlin lautet: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass der BER 2017 eröffnet werden wird." Karthago wurde bekanntlich tatsächlich zerstört. Wann der BER hingegen eröffnet werden wird, kann zur Stunde niemand mit Sicherheit sagen.

Berlin-Tegel (TXL) ist schon jetzt ein Drehkreuz

Der Vortrag war schon vorbei, da gab Herr Mühlenfeld ein TV-Interview. Hier lautete die Kernaussage, die anschließend ausgiebig von den Medien aufgegriffen wurde, dass der BER kein Drehkreuz sein werde.

Tatsache ist hingegen, dass der Berliner Airport Tegel (TXL) schon heute ein internationales Drehkreuz ist, gebildet von bis zu 25 Flugzeugen der Air Berlin und weiteren Flugzeugen aus deren "oneworld Allianz". Dass es einige Zeit brauchen wird, bis man an die Größenordnung von München oder gar Frankfurt herankommt, ist klar. Aber dass es kein Drehkreuz gibt oder das es ein größeres nicht geben könnte, ist sachlich einfach falsch.
 
Schuld sind immer die Anderen

Mühlenfeld, der eigentlich als erster Verkäufer seines Produktes BER unterwegs sein sollte, und daher seine Ansprechpartner und Kunden, in diesem Fall die Airlines, entsprechend behandeln sollte, hatte für die wegfallende Drehkreuzfunktion eine ganz originelle Erklärung, die da lautete, dass "die beiden großen deutschen Fluggesellschaften, die dazu in der Lage wären, das nicht schaffen werden", B.Z. 5.11.2015.

Hiermit dürfte er erst einmal für erhebliche Verstimmungen gesorgt haben, denn mit diesen abfälligen Bemerkungen sind wohl Air Berlin und die Lufthansa mit ihrer Billigtochter Germanwings gemeint – die aktuell besten Kunden des Flughafens TXL und damit der Flughafengesellschaft.

Desweiteren offenbarte der ehemalige Manager des Triebwerkherstellers Rolls-Royce in einem erschreckenden Ausmaß nicht zum ersten Mal sein profundes Nichtwissen - über die konkreten Betriebsabläufe eines modernen Airports und des Luftverkehrs im Allgemeinen.

So sprach sich Mühlenfeld gegen eine dritte BER-Start- und Landebahn aus und zog einen unzulässigen Vergleich mit London Heathrow (LHR), der ja auch mit nur zwei Start- und Landebahnen ca. 70 Mio. Passagiere pro Jahr abfertigen würde. Bekanntlich hat LHR einen sehr hohen Anteil an Großraumflugzeugen (in den ersten beiden frühen Stunden kommen etwa 50 A 380, B 747, B 777, B 767, A 340 und A 330 an)und eine kürzere Nachtsperre. Dass Frankfurt für seine 60 Mio. Passagiere schon in Summe 3 Bahnen braucht, entgeht dem Flughafenchef wohl auch - ein inhaltlicher Totalausfall sondergleichen.

Mit der Verneinung einer dritten Runway begab sich Mühlenfeld zudem in einen Widerspruch mit dem FBB-Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Müller, der eine dritte BER-Start- und Landebahn immer wieder ins Spiel gebracht hatte. Und last but not least stellt sich Mühlenfeld als Flughafengeschäftsführer auf die Seite der BER-Gegner und fällt damit den Anteilseignern der FBB in den Rücken. Ein Vorgang, der seines gleichen sucht.   

VBKI empfiehlt Leipzig

Doch vorher hatte der Mühlenfeld einladende VBKI eine eigene, fachlich unbegründete Meldung herausgelassen, denn dessen Arbeitskreis "Verkehr am Flughafen Leipzig/Halle" empfahl auf der VBKI-Website, unter der Rubrik "Denkfabrik", Flüge nach Leipzig auszulagern. Da wird von einer Fahrzeit von 50 Minuten zwischen Berlin und Flughafen Leipzig geträumt (es sind tatsächlich 1.45 h) und es wird an Charterflüge gedacht - die es aber kaum noch gibt. Man sieht also, dass beim VBKI der hohe qualitative Anspruch inzwischen leider auch mehr Vergangenheit als Gegenwart ist.
    
Dann ist es auch fast nur noch ein Nebensatz, dass Mühlenfeld in seinem Referat die jüngst aufgetauchten Hinweise auf die mutmaßlich mangelnde Qualifikation der hauseigenen Brandschutzexperten erwähnte; Ähnliches passiert ja auf fast jeder Baustelle - meinte Mühlenfeld.

Wir erinnern uns, dass schon der Planer der ersten BER-Brandschutzanlage, Alfredo di Mauro, keine entsprechende Qualifikation besaß und die Flughafengesellschaft 2014 kleinlaut einräumen musste, dass dieser kein Diplom-Ingenieur sondern nur ein Technischer Zeichner sei. Auch das könnte dann wohl auf "jeder" Baustelle passieren.

Die jüngste Brandschutz-Hiobsbotschaft über die mangelnde Fachkunde der FBB-Mitarbeiter machte allerdings der FBB-Aufsichtsratsvorsitzende und Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller öffentlich, der sich selbst gerne in der Pose des unbelasteten Kümmerers und Machers sieht, aber die BBI/BER-Planungen seit 2006 als Berliner SPD-Fraktionsvorsitzender und Stadtentwicklungssenator ohne Wenn und Aber politisch mit durchgewunken hat.

Man fragt sich, was im Zusammenhang mit dem politisch kontaminierten BER demnächst noch um die Ecke kommen wird. Weitere Überraschungen sind alles andere als ausgeschlossen. Aber eine gute Nachricht hatte Karsten Mühlenfeld für seine Zuhörer dann doch noch parat: Der BER wird 2017 eröffnet, ganz sicher - glaube er.

Zum guten Schluss noch ein guter Scherz vom heutigen Tag:

Vor dem Untersuchungsausschuss zum BER verweigerte eine Mitarbeiterin einer Beratungsfirma die Aussage. Daraufhin beantragte der Ausschuss ein Ordnungsgeld von 10.000 Euro. Mal sehen, ob´s kommt. Kleiner Tipp: Man sage einfach, sich an nichts erinnern zu können. So wie Blatter und Niersbach. Das klappt immer.

Herzliche Grüße

Ihr Brennpunkt-BER-Team


P. S.

Im Zusammenhang mit den dort ausgeübten Freizeitsportarten ist es auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, nach 2013, leider nun schon zum zweiten Mal zu einem Unfall mit Todesfolge gekommen.

In der Nacht zum 4.11.2015 verstarb ein Fahrradfahrer an den Folgen seiner schweren Kopfverletzungen, die er durch ein herabfallendes Kite (ca. 10 kg schweres Drachen-Segel) am 1.11.2015 in Tempelhof erlitten hatte. Ein Kite zieht jeweils bis zu 150 cm lange und bis zu 43 cm breite, bemannte Surfbretter mit einer hohen Geschwindigkeit über den Boden.

Damit hat der seit 2008 geschlossene Flughafen bereits jetzt die Zahl der Todesopfer erreicht, die der Flugbetrieb des Flughafens Tempelhof von 1948 bis 2008 hatte, nämlich zwei. Wir haben seit der Öffnung des Freigeländes des ehemaligen Flughafens Tempelhof 2010, immer wieder vor den Risiken der unreglementierten Ausübung diverser Freizeitsportarten auf dem Gelände für Mensch und Umwelt gewarnt, leider offenbar ohne Erfolg.   


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Text & Redaktion: Wolfgang Przewieslik

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Kommentare

Da scheint jemand kein gutes Gedächtnis zu haben. Die Herren Diepgen und Wowereit sprachen ausdrücklich von einem Drehkreuz, wenn Sie auf die (angeblich) so viele neuen Jobs am BER hinwiesen. Richtig ist allerdings, dass der BER sich nur schwerlich als Drehkreuz eignet. Aber das wäre ja auch zu schön, wenn dort irgendwas richtig funktionieren würde.

Hätte, hätte, Fahrradkette! Wenn der neue Flughafen schon seit Jahren in Betrieb wäre und man sich sinnvollerweise auf die Aufteilung der Flugverkehre auf die drei Flughäfen in Berlin und Brandenburg (THF > Innerdeutsch + Business, TXL > Europa, BBI/BER > Interkontinental) verständigt hätte, dann hätte (!) es wohl klappen können. Aber das wäre wohl zu gut und zu einfach gewesen.

Jetzt steht man mit einer Baustelle da, von der man schon seit 2007 hätte wissen können, dass sie als Airport zu klein sein wird, und mit der jede im Berliner Abgeordnetenhaus, im Brandenburger Landtag und im Deutschen Bundestag vertretene Partei auf eine Art und Weise verbunden ist, die dann doch lieber, u. a. mit der mildtätigen Unterstützung der Presse, unter den Teppich gekehrt wird.

Und jetzt gibt es zu allem Überfluss auch noch einen fachfremden Flughafengeschäftsführer, der nicht weiß, wem er zuerst nach dem Mund reden soll. Tja, wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Flughafengegner mehr!

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