BER: Das unfertige Provisorium

+++ Was nicht passt, wird passend gemacht +++ FBB-Aufsichtsrat +++ Wirtschaftliche Situation der FBB +++

2012 bezeichnete der damalige Flughafengeschäftsführer Schwarz den BER als "baulich, aber nicht technisch, fertiggestellt." Diese Aussage ist wohl nach wie vor gültig.

 

Guten Tag,

die negativen BER-Meldungen reißen nicht ab und es stellt sich immer dringender die Frage, ob es so weitergehen darf. Der Mitte des Jahres ausgeschiedene Flughafengeschäftsführer Hartmut Mehdorn hatte schon 2013 eine Teileröffnung des BER in Aussicht gestellt und getönt: "Das, was wir gebaut haben, reicht noch bis zum Jahr 2025, wenn nicht noch weiter." Ja, weit ist es mit dem BER schon gekommen, aber zur Eröffnung hat es immer noch nicht gereicht.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Nachdem das BER-Terminal aufgrund von überlasteten Tragbühnen für die Entrauchungsventilatoren erst teilweise und dann komplett gesperrt werden musste, fand am 25.9.2015 eine Aufsichtsratssitzung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) statt. Aber anstatt Klartext zu reden und einzuräumen, dass die schon vielfach angekündigte BER-Eröffnung für das zweite Halbjahr 2017 nicht mehr zu schaffen ist, redete sich der FBB-Aufsichtsrat die Situation erneut schön. Ein Schelm, der sich angesichts der bevorstehenden Berliner Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2016 etwas Böses dabei denkt.

Der ehemals als modernster Flughafen Europas bezeichnete BBI/BER verkommt so zusehends zu einer großen Bretterbude, in der sich ein Provisorium an das andere reiht. Und erneut werden Kapazitätszahlen behauptet, die sich in der Realität nicht wiederfinden. Laut Pressemitteilung der FBB vom 25.9.2015 soll es nun also eine vermeintliche Kapazitätserweiterung auf ca. 40 Mio. Passagiere im Jahr geben.

Ehemals wurde von der Flughafengesellschaft sogar eine BBI/BER-Jahreskapazität von ca. 45 Mio. Passagieren behauptet, bis dann im Dezember 2012 eine vollkommen unzureichende Kapazität von ca. 22 Mio. Passagieren/Jahr eingeräumt werden musste, die von uns schon Jahre zuvor genannt worden war. Ein genauer Blick auf das neue BER-Zahlenwerk kommt zu den folgenden Ergebnissen:

Die Nachfrage für 40 Mio. Passagiere/Jahr ist vorhanden, aber leider weiterhin nicht die zur Verfügung stehende Kapazität, da SXF Nord nur 7 Mio. Passagiere + BER 22 Mio. Passagiere = 29 Mio. Passagiere/Jahr + neues Terminal F 3 Mio. Passagiere/Jahr = nur 32 Mio. Passagiere/Jahr ergeben werden. Und das neue Midfield-Terminal, dessen Kapazität sich auf 5 Mio. Passagiere/Jahr belaufen soll, soll geplant, aber noch nicht gebaut werden. Außerdem bleibt abzuwarten, wie die Planungen und die tatsächlichen Erweiterungen im Einklang mit den planfestgestellten maximal 360 000 Flugbewegungen pro Jahr stehen werden.

Es geht wohl schon lange nicht mehr um die komplette Eröffnung des BER, sondern nur noch um ein fortgesetztes Flickwerk, wobei man aber noch nicht einmal die Ehrlichkeit aufbringt, sich zum dann unbedingt notwendigen und sinnvollen Parallelbetrieb von Tegel zu bekennen.  

FBB-Aufsichtsrat

Der von den FBB-Anteilseignern Berlin, Brandenburg und dem Bund beschickte Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft zeichnet sich durch seine Politiklastigkeit, seine Abwesenheit von Flughafenfachleuten und damit durch seine horrende Inkompetenz aus. Vorsitzen tut diesem Kontrollgremium, das klar definierte gesetzliche Pflichten zu erfüllen hat, zudem mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller ein Mandatsträger, der schon vor seinem Antritt als AR-Vorsitzender öffentlich über sein Ausscheiden aus dem Gremium spekulierte und zu bedenken gab, dass er als Regierender Bürgermeister keine Zeit für diese Aufgabe hätte.

Wegen seiner anhaltenden Zeitknappheit wird Michael Müller nun seit geraumer Zeit in der Berliner Senatskanzlei von dem Sonderreferat BER beraten, dass von seinem Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup geleitet wird, der Stadtplaner, aber ebenfalls kein Flughafenfachmann, ist. Man hat aber nicht den Eindruck, dass durch dieses zusätzliche Gremium der Abstimmungsbedarf kleiner und die Entscheidungsqualität in Sachen BER größer geworden ist.
        
Wirtschaftliche Situation der FBB

2014 machte die FBB bei einem Umsatz von 327 Mio. Euro und einem  Aufwand von 498 Euro einen Verlust von 171 Mio. Euro, siehe FBB-Geschäftsbericht 2014, S. 64. An BER-Gesamtkosten wurden bisher 5,4 Mrd. Euro eingeräumt, wobei jeder Monat Stillstand seit der abgesagten BER-Eröffnung 2012 mit ca. 17 Mio. Euro zu Buche schlägt. Zusätzliche 2,6 Mrd. Euro an Beihilfen sind bei der EU schon beantragt. Gestartet war man 2006 mit 2 Mrd. Euro Kosten für den BBI/BER.

Dass auf ein energisches Handeln des aktuellen BER-Management nicht mehr zu hoffen ist, zeigte schon die FBB-Pressemitteilung vom 23.9.2015, in der sich der Flughafengeschäftsführer Mühlenfeld mit den kryptischen Worten zitieren lässt: "Ich bin mir sicher, dass wir auch künftig auf Vorgänge aus der Vergangenheit stoßen, die auf den ersten Blick unfassbar erscheinen." Da wird Herr Mühlenfeld wohl recht behalten, da seit dem Baubeginn des BBI/BER 2006 eine komplette Baudokumentation fehlt und somit die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass man immer wieder einmal auf "Vorgänge aus der Vergangenheit" stoßen wird.

Es geht wohl schon lange nicht mehr um die komplette Eröffnung des BER, sondern nur noch um ein fortgesetztes Flickwerk, wobei man aber noch nicht einmal die Ehrlichkeit aufbringt, sich zum dann unbedingt notwendigen und sinnvollen Parallelbetrieb von Tegel zu bekennen.

Herzliche Grüße

Ihr Brennpunkt-BER-Team

P. S.

Wie die Bild-Zeitung berichtet, steht das traditionelle Deutsch-Amerikanische Volksfest vor dem endgültigen Aus, da der bisherige Standort in der Heidestraße demnächst bebaut wird, und der Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) der Veranstaltung, die jährlich ca. 500 000 Besucher anzieht, den ehemaligen Flughafen Tempelhof als Standort verweigert. Die Entsorgung von Geschichte und Tradition wird mit dieser Entscheidung also fortgesetzt. Auch der Wirtschaftfaktor des DAV ist für Senator Geisel und den SPD/CDU-Senat offensichtlich Nebensache.


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Text & Redaktion: Wolfgang Przewieslik

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Kommentare

Und wieder einmal wird ein Skandal am BER von einer überregionalen Zeitung enthüllt. Diesmal war es die BILD, die den Mißstand der überlasteten Dachkonstruktion erst öffentlich machte. Man kann von Deutschlands führendem Boulevard-Blatt und seinen oftmals zweifelhaften Praktiken halten, was man will. Aber ohne BILD würde der investigative Journalismus sehr schnell erlahmen.

Ganz anders dagegen die Berliner Lokalmedien. In deren Berichterstattung zum BER wird immer nur das thematisiert, was ohnehin schon bekannt ist. Dann spielt man gerne den kritischen Journalisten, und kommt doch nicht über die Rolle des bloßen Trittbrettfahrers hinaus. Von selbst kommt man offenbar nicht auf die Idee, kritische Fragen zu stellen, und Statements der verantwortlichen Politiker und Manager ernsthaft zu hinterfragen.

So fehlt bis heute eine Aufarbeitung der Lokalmedien zu ihrer eigenen Verantwortung an der Pleite. Scheinbar vergessen sind die Jahre der Anbiederung und Lobhudelei von Tagesspiegel, Morgenpost und Berliner-Zeitung. Keine Fragen werden gestellt zu der engen Verquickung von Anzeigengeschäft mit dem immer großzügigen Kunden FBB und der redaktionellen Arbeit zum BER, die mit der Bezeichnung „blinde Gefolgschaft“ noch beschönigend beschrieben wäre. Die Herren Appenzeller, Maroldt, Fahrun oder Kurpjuweit haben schon eine einmalige Gabe zum selektiven Vergessen.

Eines Tages wird der BER in Betrieb gehen, aber nur als ein hoch verschuldetes Flickwerk und Sammelsurium von Provisorien. Vom „modernsten und schönsten Flughafen“ kann längst nicht mehr die Rede sein. Aber die Avantgarde der selbst ernannten Qualitätsjournalisten wird garantiert wieder in der ersten Reihe der Profi-Jubler stehen, und der Seite von Macht und Geld. Journalismus im Stile der Berliner Medien ist nun mal ein zutiefst unmoralisches Geschäft.

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